Sprachlos

Wir hatten Familienfeier. Gestern. Die erweiterte Familie scheint nicht sehr begeistert über unsere Zukunftspläne zu sein. Muss sie auch nicht. Aber ein Satz hat mich sprachlos gemacht und auch heute bekomme ich ihn nicht aus dem Kopf: Gefällt es euch bei uns nimmer? Eigentlich ein harmloses kleines Sätzchen, auf das man theoretisch mit einem Ja oder einem Nein antworten könnte. Konnte ich aber nicht, denn die Antwort auf diese Frage ist so komplex, dass sie mit der Frage eigentlich nichts mehr zu tun hat. Und ich wußte einfach nicht wo anfangen. Punkt 1: Unsere Entscheidung hat absolut nichts damit zu tun, dass es uns bei wem auch immer irgendwo nicht mehr gefallen würde. Hier ist alles so, wie es immer war. Nicht schlechter, nicht besser. Es gefällt uns noch genauso gut, wie es uns immer gefallen hat. Ich will damit nicht sagen, dass ich meine Familie nicht leiden kann oder irgendjemanden bestrafen will, indem wir weggehen. Um ehrlich zu sein, ist meine Familie der einzige Grund, warum wir überhaupt hier sind. Überhaupt jemals hier waren. Ich liebe meine Familie. Wenn es aber nur mich auf dieser Welt gäbe, wäre ich schon 2001 nicht mehr zurück gekommen. Auf jeden Fall nicht längerfristig. Ich wäre auch nicht geblieben wo ich war, aber ich wäre wieder weggegangen.

Es ist einfach Zeit für uns, zu neuen Ufern aufzubrechen. Egal wo diese sich befinden. Die Begeisterung wäre vermutlich genauso gering ausgefallen, wenn es Berlin geworden wäre. Oder Amsterdam oder Auckland. Wir haben nie gesagt, dass alles hier ganz furchtbar unerträglich ist. Denn das ist es nicht. Wir könnten genauso gut noch jahrelang im gleichen beständigen Trott leben. Nur – so sind wir eben nicht.

Manchmal ist es schwierig in einem familiären Umfeld zu leben, wo die am weitestens entfernten Teile sage und schreibe 50 Kilometer weit wegwohnt. Wo keiner jemals das Bedürfnis hatte, etwas zu sehen und zu leben, was anders ist als das, was man von Kindesbeinen an gewöhnt ist. So zu leben ist nicht schlecht. Um ehrlich zu sein, war ich darauf immer neidisch. Mein Bruder ist so. Er gehört da hin wo er ist, fühlt sich da wohl und möchte da bleiben. Ich habe nie hingehört wo ich war – nicht in meinen Augen, auch wenn das von außen vielleicht anders aussieht – ich habe mich nie 100%ig wohlgefühlt. Ich habe immer so getan als ob, aber manchmal reicht das einfach nicht.

Und ich wäre bescheuert wenn ich die Chancen, die sich mir bieten nicht nutzen würde. Niemand sagt, dass ich nicht wiederkommen kann. Niemand sagt, dass ich für immer dort bleiben werde. So wie ich uns kenne, werden Cerah und ich unseren Lebensabend irgendwo in der schottischen Wildnis verbringen, um dann kurzfristig zu entscheiden, dass ein Leben in Australien vielleicht doch auch nett wäre, während unsere 4 Kinder sich in China, Südafrika, Brasilien und Russland befinden. Bei uns ist das alles möglich. Die Welt ist heute so klein, dass auch ein Umzug auf einen anderen Kontinent nicht bedeutet, dass man sich nie wieder sieht. Es gibt webcams, Fotos bei facebook, Blogs, Gott weiß was. Ja, es ist doof, dass wir so weit weg sein werden. Das beamen sollte endlich mal erfunden werden. Aber es ist nicht das Ende der Welt. Um sich verändern zu wollen, braucht es keinen dramatischen Grund. Und das allerwichtigste: Canada ist kein fremdes Land. Keine fremde Sprache. Keine fremde Kultur. Ich/wir leben seit über 10 Jahren halb deutsch – halb kanadisch.

Als wir letzten September dort waren, hat sich das auch nicht nach Urlaub im fremden Land angefühlt, sondern wie heimkommen. Auch für mich. Sinn dieses Trips war es sowieso, dass ich mir darüber klar werde, ob ich dort leben könnte oder nicht. Cerah brauchen wir da nicht fragen, schließlich ist Canada ihre Heimat. Mr Squishy hat sich vom ersten Moment an wohlgefühlt und Miss Gigi ist zu klein, um eine Meinung zu haben. Meine Antwort war ein klares Ja. Ja, kann ich mir vorstellen. Ich weiß jetzt schon, dass es Dinge gibt, die mir tierisch auf den Geist gehen werden. Aber das ist hier auch nicht anders. Es gab auch Dinge, die ich am Stadtleben in Frankfurt nicht mochte. Oder am Landleben hier. Aber es gleicht sich immer aus. Ich erwarte von Canada keine rosa Wölkchen, Regenbogen und Goldtöpfe an dessen Ende. Ich erwarte ein ganz normales Leben mit Höhen und Tiefen. Wie hier auch. Aber eben anders.

War das jetzt eine Antwort auf: Gefällt es euch bei uns nimmer? Vielleicht weiß ich dann wenigstens was ich beim nächsten Mal sagen soll.

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