vergessen

wir leben hier in einer idyllischen kleinen stadt auch städtle genannt. mit vielen fachwerkhäusern, kirchtürmen, kopfsteinpflaster und entsprechend vielen touristen. es gibt hier einen haufen alter leute, traktoren und nur relativ wenige ausländer. so ein stückchen heile welt irgendwie. wenn man hier aufgewachsen ist, kennt man irgendwie alle. nicht mit namen aber es begegnen einem immer wieder die gleichen bekannten gesichter. deshalb schaut man sich auch alle an – egal ob die da so rumlaufen, auf dem fahrrad fahren, im auto oder auf dem traktor sitzen.

jedes mal wenn mir ein traktor entgegenkommt, schaue ich nach meinem opa. im frühling und sommer sind seine hauptfortbewegungsmittel entweder sein weißer roller oder sein traktor. damit ist er so gut wie immer unterwegs. von einem stück reben zu den kirschbäumen zu einem anderen stück feld. immer hat er irgendwo was zu schaffen und zu machen. normalerweis trägt er dann einen grauen arbeitskittel, den er vermutlich schon anhatte als er noch als schreiner arbeitete und einen hut. dieser dient beim rollerfahren natürlich auch als helmersatz. meistens lacht er dann und winkt, wenn er vorbeifährt.

das mache ich schon immer so. ein traktor und ich schaue nach meinem opa. auch vor ein paar tagen wieder. ein traktor fährt vorbei, ich drehe mich um und schaue, ob er das ist. war aber nur irgendein alter mann.

und eigentlich könnte ich mir das auch sparen, denn meinen opa werde ich so mit sicherheit nie wieder sehen. seit einigen jahren leidet er unter demenz. er fährt schon lange keinen traktor mehr. so lachen und winken wie früher wird er auch nicht mehr. er lacht schon lange nicht mehr, manchmal lächelt er, aber auch das lächeln ist leer. wenn man sich mit ihm unterhält bleibt sein gesicht meistens blank. zwar sagt er etwas, aber geblieben ist nur eine hülle voll belanglosigkeiten. traurig ist das, sehr traurig.

ich kann nicht behaupten, dass ich meinem opa jemals sehr nahe war. aber es gibt einfach dinge, die immer typisch für ihn waren. dass er keine zwei minuten ruhig gesessen ist, immer hat er irgendwo irgendwas geschafft, manchmal zu unmöglichen zeiten – so konnte es ihm zum beispiel am sonntag morgen um 6 uhr einfallen, dass er jetzt im garten dringend die stecken für die tomaten in die erde klopfen muss – dass er eine drei meter lange leiter hinten an den roller gebunden hat um sie kilometerweit bis zu den kirschbäumen zu schleppen. aber mittlerweile – alles weg. keine persönlichkeit, keine eigenarten mehr, nichts.

ich frage mich immer in wie weit er das selbst eigentlich mitbekommt. weiß er, dass er immer mehr vergisst? fragt er sich manchmal, was das für menschen sind, die mit ihm reden als ob sie ihn kennen würden und ihm doch unbekannt sind? fühlt er sich verloren? verängstigt? hilflos? sich so in nichts aufzulösen ist furchtbar. nicht nur für ihn. sondern auch für alle, die dabei zusehen müssen. und machen kann man nichts. gar nichts. nur abwarten und zuschauen. bis irgendwann einmal alles vorbei ist.

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2 Gedanken zu “vergessen

  1. Ich weiß genau, wie sich das anfühlt… was Du meinst: Meine Oma hat Demenz und vegetiert seit Jahren vor sich hin. Anders kann man es nicht nennen. Und es ist so traurig… man selber so hilflos. Schlimm, diese Krankheit.

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