11. Dezember 2012

Die Aufrichtigkeit

Die Aufrichtigkeit schritt eines Tages durch die Welt und hatte eine rechte Freude über sich. Ich bin doch eine tüchtige Person, dachte sie; ich scheide scharf zwischen gut und schlecht, mit mir gibt’s kein Paktieren; keine Tugend ist denkbar ohne mich. Da begegnete ihr die Lüge in schillernden Gewändern, an der Spitze eines langen Zuges. Mit Ekel und Entrüstung wandte die Aufrichtigkeit sich ab. Die Lüge ging süßlich lächelnd weiter; die letzten ihres Gefolges aber, ein kleines, schwächliches Volk mit Kindergesichtchen schlichen demütig und schüchtern vorbei und neigten sich bis zur Erde vor der Aufrichtigkeit.
„Wer seid ihr denn?“ fragte sie.
Eines nach dem anderen antwortete: „Ich bin die Lüge aus Rücksicht.“ – „Ich bin die Lüge aus Pietät.“ – „Ich bin die Lüge aus Barmherzigkeit.“ – „Ich bin die Lüge aus Liebe“, sprach die vierte, und diese Kleinsten von uns sind: „das Schweigen aus Höflichkeit, das Schweigen aus Respekt und das Schweigen aus Mitleid.“
Da errötete die Aufrichtigkeit und plötzlich kam sie sich doch etwas plump und brutal vor.

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach, (1830 – 1916)

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