1 Jahr Kanada – ein Jubiläum

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Was für ein Tag! So viel Gutes und Schlechtes gibt es selten an einem Tag!

Es fing heute früh damit an, dass ich zur Arbeit bin. Wie immer ist unheimlich viel los und es gibt zwei Millionen Dinge, die alle termingerecht fertig werden müssen. Von 9 bis 9.30 Uhr hatte ich ein Meeting, eines meine neuen Hobbies. Mit einem Auge behielt ich mein E-Mail-Postfach im Blick, mit dem anderen war ich dabei eine Präsentation zu bearbeiten. Ich sah Cerahs ‚Hallo und guten Morgen‘-Mail, habe aber aus Zeitmangel nicht darauf geantwortet. Um 9 Uhr dann ins Meeting, irgendwann klingelte da das Telefon, die Rezeption war dran mit der Nachricht, dass die Dame mit der ich da saß sofort ihren Mann zurückrufen soll. Sie etwas bleich, entschuldigte sich und stürmte aus dem Raum. Wenig später kam sie mit normaler Gesichtfarbe wieder zurück und meinte, es habe einen Busunfall auf einer der Linien gegeben, mit der sie zur Arbeit kommt und ihr Mann konnte sie nicht erreichen und wollte sicherstellen, dass ihr nichts passiert ist. Weniger schön, vor allem weil das auch die Richtung ist, aus der ich jeden Morgen komme.

Um 10 Uhr waren wir dann endlich fertig und das erste was ich sehe, als ich mich meinem Schreibtisch nähere ist ein gelber Zettel auf dem steht, dass ich mich sofort bei Cerah melden soll, wenn ich wieder da bin. Meine Kollegin meinte, Cerah hätte angerufen und wissen wollen, ob ich heute morgen bei der Arbeit erschienen sei. Und ich solle mich bitte gleich bei ihr melden. Was ich dann natürlich getan habe.

Heute früh ist auf der Buslinie, die ich täglich benutze ein Doppeldeckerbus in einen Zug gefahren. Der vordere Teil des Buses wurde vom Zug abgerissen, der daraufhin entgleiste. Zum jetztigen Zeitpunkt weiß man von 6 Toten und etlichen verletzen. An dem Bahnübergang, den ich zwei Mal täglich überquere. 2km Luftlinie von unserem Haus. Die Bahnschiene ist direkt hinter unserem Garten. Das letzte, was Cerah von mir gehört hatte, war eine Sms als ich in den Bus einstieg und mich über zwei Teeniemädels lustig gemacht habe, die sich jeden Morgen zwei Kilo Farbe im Bus ins Gesicht schmieren, damit sie auch hübsch für die Schule sind. Und danach nichts mehr. Dann kam die Meldung, dass der Bus einen Unfall hatte. Im Berufsverkehr, auf exakt der Strecke, die ich fahre. Dass ihr da das Herz in die Hose gerutsch ist, ist eigentlich klar. Erst Recht, wenn von mir keine Antwort kommt. Sie wußte zwar von meinem Meeting, aber es hätte ja genauso gut sein können, dass ich es da nie hingeschafft habe. Ich konnte sie dann einigermaßen beruhigen, aber der Schock saß trotzdem tief. Es ist schon beängstigend, denn das hätte genauso gut mich treffen können. Später am Tag meinte dann ein Mitarbeiter unseres IT-Supports, dass man es ihm nachsehen möge, wenn er heute etwas daneben ist. Sein bester Freund war im Bus. Zum Glück allerdings hinten oben. Er sei nur verletzt, stehe unter Schock und habe Dinge gesehen, die er sicher nie wieder vergessen wird.

Dieser Vorfall spukte mir den ganzen Tag im Kopf rum. Verständlich. (Spiegelonline zum Busunfall in Ottawa und hier ein Video dazu – Wer vorne saß hatte keine Chance.)

1236048_10151955369498825_1616604567_nZum Glück habe ich aber wunderbare Kollegen und meine Sitznachbarin mit der ich mich auch außerhalb der Arbeit gut verstehe, stelle sicher, dass auch ja niemand übersehen konnte, dass heute mein einjähriges Kanadajubiläum ist. Und nett wie die Kanadier sind, haben mir natürlich alle gratuliert und ich bekam mal wieder zu hören, was für ein wunderbares akzentfreies Englisch ich doch spreche. Ja, da bin ich stolz darauf. Zu Recht wie ich finde. In einem Einwanderungsland ist es nichts besonderes Englisch mit vielen verschiedenen Akzenten zu hören, auch von Leuten, die schon fast ihr ganzen Leben dort sind. Wenn ich nicht ausdrücklich sage, dass ich kein Kanadier bin, merkt das kein Mensch.

Später am Nachmittag bekam ich dann eine SMS von zuhause, dass Sohnemann mit dem Equivalent eines blauen Briefes nachhause gekommen ist. Es war wohl Brandschutzübung in der Schule (das und die Amok-Übung werden sehr ernst genommen) und Sohnemann hat auch nach mehreren Ermahnungen seitens der Lehrerin nicht aufgehört, Quatsch zu machen. Sehr ungewöhnlich für ihn, da er normalerweise schon mal Quatsch macht, aber immer sofort aufhört, wenn er gerügt wird. Heute scheinbar nicht. Er hat jetzt als Konsequenz bis zum Wochenende Nachmittags Fernseh- und X-Box-Verbot, musste der Lehrerin einen Entschuldigungsbrief schreiben und wird sich hoffentlich in Zukunft zu benehmen wissen. Es hat ihm dann auch schon zugesetzt, dass er von allen Seiten Ärger bekommen hat, aber ganz ehrlich, so Sachen wollen wir gleich im Keim ersticken.

Nochmal 15 Minuten später bekam ich eine E-Mail. Ich habe Tickets für mein allerstes Hockeyspiel überhaupt gewonnen! Nächsten Mittwoch ein Pre-Season NHL Spiel der Ottawa Senators (unser Heimteam) gegen die Montreal Canadiens im Canadian Tire Centre. Die Firma für die ich arbeite, hat eine Corporate Box (ich nehme mal an, dass das auf Deutsch Loge heißt) im Stadium für alle Veranstaltungen, die dort stattfinden (Konzerte ebenso wie Sport) und verlost die Tickets, die nicht für Kundenwerbung benutzt werden unter den Mitarbeitern. Neulich hatte ich schon mal für das Konzert einer Queen Coverband Tickets gewonnen und nun endlich, endlich für mein erstes Hockeyspiel. Die kanadischste aller Sportarten! Was für ein tolles Geschenk zu meinem Kanada-Geburtstag!!!

Der Heimweg dauerte dann etwas länger, weil die Straße, die der Bus normalerweise nimmt, wegen des Unfalls immer noch gesperrt war, was vermutlich die nächsten paar Tage noch der Fall sein wird, bis alles wieder aufgeräumt ist. Der Bus steht immer noch auf den Schienen, die es zerissen hat, den Zug konnte ich nicht sehen, aber der wird ebenfalls noch dort sein und am Bahnhof standen auf dem Bahnsteig (es ist nur ein Mini-Bahnhof mit einem Bahnsteig) jede Menge Kamerateams und Fotografen mit riesigen Fotoapparaten. Züge sind den ganzen Tag keine gefahren, was dazu führt, dass es hier zuhause gespenstisch still ist, obwohl auch sonst nur alle paar Stunden mal einer vorbeifährt.

Wie gesagt: Was für ein Tag! So viel Gutes und Schlechtes gibt es selten an einem Tag!

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7 Gedanken zu “1 Jahr Kanada – ein Jubiläum

  1. Oh je… die Panik Deiner Frau kann ich gut nachvollziehen. Nach dem Unfalltod meines Bruders will ich auch immer hören, ob die Menschen, die mir wichtig sind gut angekommen sind. Bei meiner Frau vergewissere ich mich auch gerne auf der Arbeit. Hat zwar manchmal was zwanghaftes, aber ich krieg sonst echt Herzklopfen….
    Aber sehr nette Kollegen hast Du, sowohl in guten und in schlechten Zeiten. Ein Gläschen auf ein Jahr in Kanada und was Stärkeres, um den Unfall zu verdauen!

  2. Zuerst möchte ich dir alles Gute wünschen und noch viele glückliche Jahre in Kanada – mit Frau und Familie.
    Zu dem Busunglück. Ich bin im Normalfall nicht gläubig, doch in Bezug auf Schicksal und dem, was uns passiert oder passieren soll, weiche ich davon ab, da bin ich eher gläubig. Ich denke, wir können unserem Leben keinen Tag hinzufügen – wenn ein Unglück passieren soll, dann wird es geschehen. Und ich freue mich sehr für dich, dass du in einen früheren Bus gestiegen bist, dass das Schicksal also für dich nicht vorgesehen hat, dass dir was passiert. Ich wünsche dir wirklich, dass das negative Schicksal weiter um dich einen Bogen macht, das positive kann ruhig ab und an mal „zuschlagen“.
    LG von Clara

  3. Alles alles Gute zum first anniversary of Canada-ness! Das fuehlt sich sicher toll an. 🙂

    Und Mensch, als grosser Habs-Fan bin ich natuerlich total neidisch auf dein Hockey-Ticket! Hab vor zwei Jahren ein Sens-Habs-Spiel in Ottawa gesehen, das war klasse. Und durch die Naehe hat man wenigstens Fans von beiden Mannschaften, das gibt tolle Stimmung! Viel Spass dabei!

    • Mir wurde auch gesagt, dass das das beste Spiel zum anschauen sei. Da bin ich ja mal gespannt. Und dass ich mir am Wochenende erst mal ein Trikot anschaffen werde ist ja wohl auch klar! 🙂

  4. Was ein Glück, dass Du an diesem Tag nicht zufällig verschlafen hast oder so.. Ohje, ich mach mir auch immer schnell Sorgen wenn ich von schweren Unfällen auf dem Arbeitsweg meiner Frau höre und seitdem sie mit dem Roller fährt muss sie mir sowieso immer Bescheid geben, wenn sie angekommen ist. Kann Cerah da gut verstehen!

    Und heeey, alles Liebe zum Jubiläum :-). Eigentlich wars doch ein tolles erfolgreiches Jahr, freut mich :-).

  5. Na dann wünschen wir Euch noch viele,viele schöne Jahre in Kanada und das auch in Zukunft das Glück bei Euch bleibt. Lese Eure Beiträge immer wieder gern. Macht weiter so. Danke ❤

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