Kindergeschichten

Unsere Reise begann eigentlich schon, bevor sie richtig begonnen hatte. Hört sich merkwürdig an, ist aber so. Wir hatten uns schon lange mit dem Gedanken getragen, eine richtige Familie mit Kind und allem drum und dran zu werden. Das war schon, bevor wir 2004 nach Frankfurt gezogen sind.

Unser erster und total schwachsinniger Plan war, ich gehe einfach am Wochenende mal in ne Disco, schnappe mir einen x-beliebigen Kerl und werde schwanger. Ähm ja, war so (zum Glück) nicht realisierbar. Denn damit hätten wir beide und auch unser Kind nicht leben können. Wir sind nach wie vor der Ansicht, dass jeder ein Recht darauf hat, zu wissen, wo er herkommt und wo seine Wurzeln liegen.

Dass ich die Schwangerwerdene (schon wieder so ein selbsterfundenes Wort) sein sollte, war auch von Anfang an klar, da Cerah definitiv nie schwanger werden wollte. Ihre Gründe dafür: keine Lust, jede Menge Krankheiten in ihrer Familie (Krebs, Depressionen, Alkoholismus etc.), körperlich nicht in der Verfassung, Allergien und sonstige Späße und: Ich bin einfach zu wehleidig und habe keinen Bedarf, mich 9 Monate durch eine Schwangerschaft zu quälen und dann auch noch eine Geburt mitzumachen. Im Gegensatz dazu hatte ich kein Problem mit dem Gedanken, schwanger zu sein. Was ich mir aber nicht vorstellen konnte war mit einem Baby/Kind den ganzen Tag zuhause zu sein. Ich bin leider ein sehr undisziplinierter Mensch und würde dann den ganzen Tag meinen Hintern auf dem Sofa platt sitzen und vor mich hingammeln bis mir schließlich die Decke auf den Kopf fällt. Und das kann ja nicht Sinn der Sache sein. So war es also beschlossenen Sache, dass ich das Kind austrage, zuhause bleibe bis das Baby drei Monate alt ist und dann wieder Vollzeit arbeiten gehe. Schließlich müssen wir ja auch von was leben und unseren Unterhalt bestreiten.

Also ging nach dieser Schnapsidee eines One-Night-Stands die Recherche und Suche nach einem potentiellen Vater erst richtig los. Wir wollten keinen aktiven Vater, aber auch nicht jemanden, der völlig anonym bleibt. Was wir wollten war jemand, den wir kennen, mögen und der auch bereit ist, sich Mr. Squishys Fragen zu stellen, wenn er etwas älter ist. Wir wollten ihn immer mal wieder besuchen, damit auch er sieht, was aus seinem “Beitrag” zu unserem Kinderwunsch geworden ist. Und damit auch unser Sohn sich bewußt ist, wer denn der Mann ist, den wir ab und zu mal besuchen und zu dem wir ein freundschaftliches Verhältnis haben. Wir wollten dass er Bilder hat von ihm und seiner anderen Familie, die schließlich auch ein Teil von ihm ist und die wir ihm nicht vorenthalten wollten.

Angst vor dem menschlichen Faktor hatten wir eigentlich nie, sprich Ansprüche auf das Kind, das Gefühl doch Vater sein zu wollen etc. Das liegt vermutlich an unserem Samenspender, der wirklich ein absoluter Glücksgriff war/ist. Um uns gegen rechtliche Streitigkeiten abzusichern, haben wir uns auf einen Samenspender aus den Niederlanden festgelegt, der auch schon einige Erfahrung damit hatte und offen und öffentlich als Samenspender auftritt. Der Vorteil liegt darin, dass er im Gegensatz zu einem deutschen Samenspender keinerlei Ansprüche auf die “Frucht seiner Lenden” hat. Ein deutscher Mann hat, so viel ich weiß, vom Zeitpunkt der Geburt an zwei Jahre Zeit, um zu sagen, ich bin der Vater, ich will ein Umgangsrecht und auch sonst alle Rechte (und Pflichten) die mir zustehen. Auch haben wir ihm von Anfang an so viel Vertrauen entgegen gebracht und uns einfach darauf verlassen, dass er zu seinem Wort steht. Und das tat und tut er auch noch heute.

Gefunden haben wir Ed in einem Online-Kinderwunsch-Forum. Es kam uns nicht auf das Aussehen an, denn das ist unserer Ansicht nach irrelevant. Das Kind muss nicht aussehen wie eine Mischung aus Cerah und mir, es soll vom Charakter her zu uns passen. Sicher kann man den Charakter nicht wirklich bestellen, aber wenn der potentielle Samenspender uns sympathisch ist und wir gut mit ihm klarkommen, dann gehe ich einfach davon aus, dass das Kind dann auch gut zu uns allen dreien passt.

Die erste Kontaktaufnahme erfolgte per E-Mail und dann per Telefon. Die E-Mails gingen alle auf Cerahs Konto, den Anruf durfte ich erledigen. Und was habe ich mir vor Nervosität fast in die Hosen gemacht! Da ruft man einen wildfremden Menschen an, um mit ihm die Möglichkeit zu diskutieren, der Vater unseres Kindes zu sein. Wenn das Mal nicht total meschugge ist, weiß ich auch nicht. Das Telefonat ging dann aber ziemlich lange, weil wir (bzw. ich) ja auch alle unsere Fragen loswerden wollten. Wir haben uns sehr sachlich darüber unterhalten, wieso er Samenspender ist, welche Methoden er “anbietet”, wie das ganze ablaufen soll, wie man die fruchtbaren Tage bestimmt etc. Das Gefühl nach dem Telefonat war gut und wir wollten einen Versuch wagen. Die Entscheidung für wen man sich letzendlich entscheidet, ist meiner Meinung nach eine reine Bauchentscheidung, denn mit irgendwelchen rationalen Pro- und Contra-Listen kommt man da nicht weit. Entweder es passt oder eben nicht.

Dann kam der nächste Schritt: die Bestimmung der fruchtbaren Tage und die tatsächliche Insemination. Dazu muss ich gleich sagen, dass ich in meinem Leben noch nie in so viele Becher gepinkelt habe, wie in dieser Zeit. Um die fruchtbaren Tage zu bestimmen, gibt es diese tollen lh-Stäbchen, die in den Urin getunkt werden. Sie zeigen nicht den Eisprung an, sondern das Hormon, welches der Körper ausschüttet, bevor das Ei springt. Ein regelmäßiger Zyklus hilft dabei natürlich ungemein, denn mit der Zeit entwickelt man ein Gespür für die Zuverläßigkeit des eigenen Körpers. Und man lernt Dinge wie: Wenn der Muttermund sich wie die Nase anfühlt, ist er zu und nicht durchlässig. Wenn er sich anfühlt wie das Ohrläppchen, ist er offen und die Chancen schwanger zu werden, steigen. So weit, so gut. Dann war es endlich soweit, wir hatten den ersten Eisprung identifiziert. Das hieß dann für uns, mit dem Spender abklären, ob der Termin für ihn Ordnung geht, Mietwagen buchen, Hotelzimmer buchen. Wir hatten vorher vereinbart, dass wir uns erst nochmal persönlich treffen, um beiden Seiten die Möglichkeit zu geben, doch noch nein zu sagen. Das Treffen fand im Hotelzimmer statt, wir waren uns sympathisch (obwohl ich vermutlich so nervös war, wie noch selten in meinem Leben), sind noch mal sämtliche Details durchgegangen und dann war es soweit. Ed verschwand im Badezimmer, kam mit einem gefüllten Becher zurück, hat uns viel Erfolg gewünscht und sich verabschiedet. Zeug mit steriler Spritze an Ort und Stelle gebracht und dann gewartet. Am nächsten Tag wieder heimgefahren und dann gingen die furchtbaren zwei Wochen des Wartens los, bis dann der Traum jäh zerplatzt und das ganze wieder von vorne losgeht.

Das haben wir fünf Mal gemacht und jedes Mal haben wir uns total verquatscht, was ein gutes Zeichen ist, denn immerhin waren wir uns sympathisch. Im Februar 2006 war der Schwangerschaftstest dann positiv und im November kam Mr. Squishy dann per Kaiserschnitt auf die Welt.

Wir hatten wirklich Glück, einen so wunderbaren Spender zu finden! Wir kamen garnicht erst auf den Gedanken, dass es vielleicht nicht gleich mit dem ersten Spender klappen könnte. Und er hatte auch zugesagt, so lange unser Spender zu bleiben, bis es tatsächlich mit dem Schwangerwerden klappt. Auch das finde ich wichtig, denn man kann vorher nie wissen, wie lange es denn wirklich dauern wird.

Das selbe Spiel haben wir für Baby No. 2 dann ab Herbst 2009 wiederholt. Nur dass wir uns dieses Mal nicht im Hotel, sondern bei unserem Spender zuhause getroffen haben. Dieses Mal haben wir etwa sieben Versuche gebraucht – so genau haben wir nicht mehr Buch geführt. Im Mai 2010 war der Schwangerschaftstest endlich positiv und im Februar 2011 kam unsere kleine Gigi auf die Welt.

Cerah ist der Ansicht, dass unsere Familie nun komplett ist, aber ich bin mir nicht so ganz sicher, ob das Ganze nicht doch noch ein letztes Mal machen will. Wir haben beschlossen, dass wir mit der Entscheidung noch warten werden, bis zu Gigis erstem Geburtstag. Schließlich werden wir auch nicht jünger und irgendwann sollte die Kinderkriegerei auch mal abgeschlossen sein.

Das war jetzt lang und ausführlich. Falls noch irgendwas unklar ist, bin ich gerne bereit, weitere Fragen zu beantworten.

Stand: März 2011

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18 Gedanken zu “Kindergeschichten

  1. Toll, wenn ein Kind so gewollt ist. Der Kleine hat es echt gut getroffen bei Euch – und Ihr mit dem süßen Kerlchen natürlich auch. 😉 Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Geburtstag! 🙂

  2. hallo
    ihr seir echt toll wie ihr das durchzieht =)
    wie ist der druck der öffendlichekeit für euch. werdet ihr eingeschränkt?
    gruss
    nadja

  3. Absolut kein Druck zu spüren. Finde ich auf jeden Fall. Um ganz ehrlich zu sein, habe ich die Öffentlichkeit schon lange abgeschrieben. Ich lebe mein Leben für mich und nicht für jemand anderen. Wem nicht passt, was ich mache, der muss auch nichts mit mir zu tun haben. 🙂

  4. noch einmal ich bewundere dich! toll wie überzeugt du bist und dich kaum noch was aus der ruhe bringt.
    vielen dank für deine antwort.
    darf ich dir no eine frage stellen? gibt es situationen wo ihr als regenbogenfamillie anstösst? wo ihr nicht weiterkommt? wegen dem Gesetz, konservativen Mitmenschen was auch immer?

  5. Mich aus der Ruhe zu bringen dauert schon ein bisschen. 😉
    Ich weiß nicht so genau, was du meinst. Die gesetzliche Situation ist natürlich schon etwas blöd, viele Pflichten, aber nicht wirklich viele Rechte (Steuerklassen, Adoptionsrecht etc.). Ansonsten würde ich sagen, sind wir genauso eingeschränkt oder frei wie der Rest der Welt mit Kind.

  6. jetzt wollte ich gerade den tollen „nase- oder ohrläppchen-muttermund“ test machen, da bin ich schon von ganz alleine schwanger geworden… so ein „mist“ 😉

    spannend zu lesen, der bericht!!

  7. Hi
    finde eure geschichte echt super, aber warum zur Hecke nennt ihr das arme Kind Mr. Squishy?????? Der wird sein Leben lang gehänselt.. Kinder sind nämlich gemein.

  8. Das ist einfach so eine schöne Story . . . es ist schön wenn es mit dem „Spender“ auf Anhieb „passt“. Das alles steht uns ja noch bevor und ich hoffe, wir kriegen das auch so hin wie ihr 🙂

  9. Hallo, hier finde ich alle meine Fragen aus meinem Antwortkommentar beantwortet, weil ich gleich deinem Link hinterhergegangen bin. – Ich war hier schon mal vor längerer Zeit, wahrscheinlich, als ich meinen Regenbogenpost geschrieben habe.
    Viel Glück euch allen wünscht Clara

  10. Hallo!
    Interessanter Blog! Danke dafür!
    Hab mal eine Frage: wie habt ihr das mit dem Eziehungsrecht geregelt? Hat die „nicht leibliche“ Mama die Kinder adoptiert?
    Und wie nennen eure Kinder euch? Beide Mama?
    Falls das in dem Blog schon irgendwo steht tut es mir leid- hab leider nicht so viel Zeit ihn ausführlich zu lesen.
    Alles Gute für euch und liebe Grüße
    Patty

    • Ja, wir haben mit beiden Kindern die Stiefkindadoption durchlaufen. Somit haben beide Mamas die gleichen Rechte.
      Wir heißen Mama (ich) und Mommy/Mami (Cerah).

  11. ach eine schöne geschichte, so erging es uns auch! kann mich noch echt gut erinnern ist ja bei uns noch noch nicht so arg lange her! wie lief die steifkindadoption ab? Liebe Grüße Anja

  12. Ich wusste doch, dass sich hier schon mal war und kommentiert habe. Und jetzt habe ich euren Link in der Statistik entdeckt und bin gleich wieder mal hergekommen. – Mein Sohn hatte mir mal erzählt, dass er für ein Frauenpaar den Papa abgeben wird. Er hat bisher keine eigenen Kinder. Ich muss mich mal erkundigen, wie weit das „Projekt“ inzwischen gewachsen ist.
    Liebe Grüße zu euch!

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